Mai/Juni 2021, Premnitz - Wittenberge - Strodehne

Werkstatt 1:

Premnitz + Wittenberge

"Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit"

heißt es im “Chemieprogramm” von 1958, einer großangelegten Kampagne der DDR-Regierung. Der Umstieg von heimischer Braunkohle auf russisches Erdöl sollte den Grundpfeiler einer petrochemischen Modernisierung und eines weniger umweltschädlichen Aufbaus der sozialistischen Industriegesellschaft bilden. Doch die UdSSR-Regierung drehte den Erdölhahn für das sozialistische Bruderland wieder zu, noch ehe das Projekt recht begonnen hatte. Kunststoffe wurden trotzdem in großem Stil produziert, zur Not mit petrochemischen Grundstoffen aus dem Westen.
In West und Ost war Plastik mit utopischen Versprechen aufgeladen. Der ideologische Vorschuss der neuen Materialien verbrauchte sich allerdings ähnlich schnell wie der des real existierenden Sozialismus. „Chemie“ und „chemisch“ wandelten sich zu Chiffren für naturfeindliche und zerstörerische moderne Verhältnisse, deren Exzesse in den täglich wechselnden Farben und Schaumkronen von Flüssen wie Emscher oder Saale zum Ausdruck kamen.

Heute ist die Rede von Plastikstrudeln, und Mikroplastik ist in aller Munde. Da sich nach dem Ende des real existierenden Sozialismus auch das Ende des von fossilen Rohstoffen abhängigen, real existierenden Kapitalismus anzukündigen scheint, wollen wir nichtsdestotrotz fragen:

Welche utopischen Potentiale stecken möglicherweise auch heute noch – oder wieder – im Plastik?

Brauchen wir nicht auch – oder gerade – unter den verantwortungsvolleren Vorzeichen des zum neuen Zeitalter ausgerufenen "Anthropozäns" Programme für „Neue Menschen“ und für einen neuen Umgang mit den der Erde entnommenen Materialien? Welches Erbe des zu Ende gehenden Zeitalters müssen wir zurückweisen, welches können wir annehmen?

Mit den Materialien stellt sich die Frage nach deren Verarbeitung. Die Effizienz- und Emanzipationsversprechen von Maschinen- und Chemiezeitalter ergänzen sich. In der realsozialistischen Moderne gehören Nähmaschine und Kunstseide zusammen wie Sichel und Ährenkranz. Die eine substituiert ein aufwändiges Naturprodukt, das nur unter (post-)kolonialen Bedingungen auf dem Weltmarkt zu haben ist, durch ein materialtechnisch überlegenes industrielles Erzeugnis aus Rohstoffen, die in der eigenen Sphäre gewonnen werden können. Die andere rationalisiert dessen Verarbeitung zu preiswert verfügbarer, qualitativ hochwertiger Massenware.
Historisch ist die Nähmaschine mit der Mechanisierung der Textilherstellung im neunzehnten Jahrhundert verbunden. Im 20. Jahrhundert ermächtigt die Nähmaschine vor allem Frauen dazu, Kleidung preiswert und individuell selbst herzustellen.

Legt dieses „emanzipatorische“ Potenzial der individualistischen Nähmaschine nicht auch neue Ausformungen der Heimarbeit nahe?

Zeitgemäßere Anwendungen, als deren serielle Aneinanderreihung in Textilfabriken – sweatshops –, in denen heute noch unterbezahlte Arbeiter*innen schuften, als befänden wir uns im neunzehnten Jahrhundert?

Die beiden Werksbesuche und Workshops dienten der praktischen Erkundung dieser material- und produktionstechnischen Zusammenhänge und ihres heutigen Erbes.
Welche Veränderungen in den Grundstoffen sind denkbar oder schon Realität? Welche neuen post- oder auch prä-industriellen Produktionsweisen und Organisationsperspektiven eröffnen sich?
Es ging nach Premnitz: ehemaliger Sitz des VEB Chemiefaserwerk „Friedrich Engels“, heute Märkische Faser AG, wo die Kunstfasern Dederon und Grisuten hergestellt wurden und zum Teil noch werden, und Wittenberge, ehemaliger Sitz der größten Nähmaschinenfabrik Europas, gegründet von Singer und in der DDR weitergeführt als Veritas.

Wir hörten Beiträge zur Industriegeschichte und -gegenwart von folgenden lokalen Expert*innen:
• Premnitz: Jürgen Mai (Stadtchronist), Michael Stechert (Vogt Plastic Recycling), Dr. Klaus Piefke (EEW - Energy from Waste), Eberhard Brack (Märkische Faser AG), Mathias Hohmann (AFP)
• Wittenberge: Birka Stövesandt (Stadtmuseum), Christian von Hagen (Führung Veritas Werk)

Werkstatt 2:

Strodehne

Kollektiv Kunst produzieren?!

Work-Camp im Dorf: große Fragen und Hitze-Rekorde.

Kutschfahrt. Zeichnung Roland Eckelt

in Arbeit:

KunstStoff • Publikation

erscheint im Sommer 2022

Das Projekt KunstStoff findet statt im Rahmen des Programms Neustart Kultur der Bundesregierung mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Kunstfonds